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Wir müssen reden – kölscher Lesebefehl

Eine Gesprächsrunde in schriftlicher Form ist für mich nicht immer einfach zugänglich.

Zumal mit Jörg Schönenborn, Helge Malchow, Karin Beier, Frank-Josef Antwerpes, Peter Kloeppel, Richard David Precht, Manuel Andrack, Elke Heidenreich, Manfred Lütz, Mark Benecke, Jürgen Domian, Cordula Stratmann und Frank Schätzing die Süddeutsche Zeitung aka das SZ-Magazin stolze 13 Gäste geladen hatte, sich im Brauhaus Gilden im Zims am Heumarkt einzufinden und zu reden. Es sind glücklicherweise nicht alle Gäste zur gleichen Zeit anwesend, dafür herrscht ein stammtischartiges Kommen und Gehen, das mit Sicherheit auch zur Dynamik des Gespräches beigetragen hat.

Aber wie und vor allem über was die (teilweise Wahl-)Kölner sich austauschen – klasse! Hier werden Meinungen und Wahrheiten auf den Tisch geknallt, wie man es wohl von kaum einer Podiumsdiskussion kennt. Lebendig. Offen. Ehrlich.

Bevor ich nun aus dem Schwärmen nicht mehr heraus komme, präsentiere ich hier lieber ein paar kurze Ausschnitte und empfehle jedem, der sich unserer häßlichschönen Domstadt verbunden fühlt, sich das Gesprächsprotokoll in Gänze zu geben.

Malchow: Wenn man in Köln zum FC geht, sagt der Stadionsprecher: Willkommen in der schönsten Stadt Deutschlands. Am Anfang dachte ich, das sei Ironie. Aber das glauben die Leute wirklich.
Schönenborn: Weil sie nie über Dormagen hinausgekommen sind.
SZ-Magazin: Sie teilen die Meinung des Stadionsprechers nicht?
Malchow: Picasso hat von der Schönheit hässlicher Bilder gesprochen. So könnte man es drehen. Die Zerstörungen sind so monströs, auch die Wiederaufbauzerstörungen, dass es schon wieder ein Phänomen ist. Der Barbarossaplatz ist der hässlichste Platz Deutschlands.

Und da hat Herr Malchow wohl mehr als recht. Aber nun, unser kölsches Lieblingsthema: Der Klüngel.

SZ-Magazin: Klüngel ist ein niedlicher Ausdruck dafür. Wie genau geht der Klüngel?
Beier: Ausdealen.
SZ-Magazin: Bestechung?
Schönenborn: Bestechung ist der strafrechtlich relevante Sachverhalt, der bewiesen werden müsste.
Malchow: Ich würde sagen, man kennt sich, man hilft sich.
Schönenborn: Wie das funktioniert? Die Stadt braucht ein neues Rathaus. Und gebaut wird das von Herrn Esch, da gibt es gar keine Ausschreibung. Finanziert wird es von der Oppenheim-Esch-Gruppe über einen Fonds, in dem viele bekannte Rheinländer ihr Geld anlegen und der höhere Renditen abwirft als viele andere Immobilienfonds. Die Renditen sind sichergestellt über eine 30-jährige Mietgarantie. Die Stadt mietet das Rathaus zu überhöhten Preisen. Das wird trotz einer dreistelligen Millionensumme vom Stadtrat so genehmigt. In den nächsten Jahren werden weitere, zum Teil noch größere Projekte wie die neue Messe nach dem gleichen Muster gebaut. Dann gibt es ein Verfahren, die EU schaltet sich ein, wegen des Verstoßes gegen das Wettbewerbsrecht, weil es keine Ausschreibung gegeben hat.

SZ-Magazin: Und es regt sich niemand auf?
Schönenborn: Na ja, lange Zeit wurde in den lokalen Zeitungen gar nicht darüber berichtet. Erst als der WDR das Ganze enthüllt hat und die Bildeinstieg, tauchte das Thema richtig auf. Dazu sollte man wissen: Verleger Neven DuMont gehört zu den Anlegern beim Oppenheim-Esch-Fonds für Rathaus und Köln-Arena.
Malchow: Mein Verdacht ist, der Klüngel hat viel damit zu tun, dass man sich nicht beobachtet fühlt. Weil man sich hauptsächlich mit sich selber beschäftigt.
Beier: Und mit dieser Lust am Tricksen. Es gehört ja fast zum guten Ton, man darf sich nur nicht erwischen lassen.

Wann kann man die Geschichte mit der Oppenheim-Esch-Gruppe schon so einfach und verständlich zusammengefasst lesen? In den Kölner Pressorganen – abgesehen von der Stadtrevue – wohl nicht, Neven DuMont sei Dank.

Andrack: Der Saarländer bleibt nicht lange allein an der Theke. Und das kam mir irgendwie bekannt vor. Im Unterschied zum Kölner kennt er dich am nächsten Tag noch.

So ist das wohl. Und ich muss gestehen, diese kölsche Eigenart habe ich mitunter auch.

SZ-Magazin: Wir haben Zettel mit Fragen vorbereitet. Wollen Sie eine ziehen?
Precht: Ja (öffnet ein Zettelchen). »Was ist so schlimm an Düsseldorf?« Na ja. Ein enorm chauvinistischer Karneval, viel schlimmer als in Köln, mit rechtsradikalem Humor. Dann die neureichen Attitüden. Ich kenne keine andere Stadt von der Größe in Deutschland, in der die Schickimicki-Szene so versteckt ist wie in Köln.
Andrack: Genau.
Precht: Eigentlich bleibt der Schickimicki-Kölner abends nicht in Köln, sondern fährt nach Düsseldorf. Daher kommt das schlechte Image der Düsseldorfer.

Aus der Seele gesprochen! Und schön absurd wird es zwischendurch auch:

Lütz: Ich habe im Studium im Anatomie-Kurs einmal Leichen seziert. Beim ersten Mal war es unheimlich, aber letztlich ist es nur die Wissenschaft, man verliert nach einer Zeit die Befangenheit. Am Ende war ich vergleichsweise locker. Ich kann mich noch erinnern, einmal kamen mir zwei attraktive Kommilitoninnen entgegen und die unterhielten sich über die Disco am Abend, und dabei hat jede an beiden Händen einen Kopf an den Haaren gehalten. Da dachte ich, das geht doch jetzt ein bisschen zu weit. Aber es war auch nicht völlig befremdlich. Weil, wir hatten damals eben gerade Kopf auf dem Stundenplan.

Liberal, gesund, Genuss:

Antwerpes: Um Gottes willen. (Er schaut auf Mark Beneckes Pfeife)Ach, hier darf geraucht werden?
Lütz: Ja, ich halte diese strengen Raucherregeln ja für illiberal.
Heidenreich: Ich auch. Ich möchte so ungesund leben können, wie ich will.
Lütz: Die Freiheit einer Gesellschaft ist auch die Freiheit zum ungesunden Leben. Auch Wasser ist gefährlich. Wenn man zu viel trinkt, kann man einen Herzinfarkt bekommen.
Antwerpes: Auch Fettleibigkeit ist sehr gefährlich!
Lütz: Magersucht ist noch gefährlicher.
Antwerpes: Aber es gibt wenige, die magersüchtig sind. Mehr Fettleibige.
Lütz: Aber die sterben genussvoller. Denn auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot. Ein Freund von mir war neulich bei einer Beerdigung: Ein 52 Jahre alter Mann ist überfahren worden. Dann stand die Witwe am Grab und sagte: Jetzt hat die ganze Diät nichts genutzt. Wahre Geschichte!

Warum Köln und nicht woanders?

Schätzing: Ich hatte nie das Bedürfnis, von hier wegzugehen. Ich liebe diese Stadt für das, was sie sein könnte.
Stratmann: Ich glaube, man mag nicht Köln, man mag die Kölner. Man kann sich bis heute drauf verlassen, dass man nicht vereinsamt, wenn man nicht will. Das finde ich so anrührend. Wenn ich in der Zeitung was über Köln lese, will ich hier weg. Wenn ich mir mein Leben hier angucke, dann will ich nur hier leben.

Auch wenn ich Frank Schätzing nicht immer schätze, das ist sehr weise, was er dort sagt. Und Cordula Stratmann ist eh super.

Benecke: Köln ist ein einziger Sumpf. Und im Sumpf wachsen die schönsten Blumen. Ich bin wegen meiner Arbeit sehr viel in anderen Städten, Medellín, Bogotá, Manila, Ho Chi Minh City, also wirklich bekloppte Städte. Aber Köln ist bekloppter. Die Haltung des Kölners ist der fatalistische Opportunismus.

Tja, der rheinische Katholizismus hat nicht umsonst in Köln seine Zentrale.

Am liebsten würde ich das gesamte Gespräch hier veröffentlichen. So gut ist das!
Aber die SZ wäre wohl zu recht nicht davon angetan und deshalb: Klickt hier für mehr.

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