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Hip Hop in der Stadtteilbibliothek

Ein paar Gedanken zum kulturellen Output Belgiens, anlässlich des Geburtstages von kleinski.de.

Haben die Belgier neben Fritten, kuriosen Biersorten und Pralinen ihr unmittelbares Nachbarland Deutschland auch anderweitig beeinflusst?
Könnte diese kulturelle Beeinflussung mit der Stationierung belgischer Streitkräfte in Nordrhein-Westfalen zusammenhängen?
So, wie die Stationierung amerikanischer Streitkräfte in Deutschland einen großen Einfluss auf die hiesige Clubkultur hatte. So genannte GI-Discos, wie das “La Belle“, “Chic” oder sogar auf dem Militärgelände beheimatete Clubs, wie das “Silverwings” und zeitweise auch das “Harnack House” in Berlin, Discos wie “Cinderella”, “Peppermint” und “Maddox” in Stuttgart, “Funkadelic”, “Larrys Inn”  in Frankfurt/Main oder das “Last Penny” und “World“  in Kassel, nicht zu vergessen der Soldatensender AFN, haben mit ihrem Musikprogramm  und (Moderations-)Techniken der DJs auf die bundesdeutsche Rezeption von sogenannter Black Music eingewirkt. Der Maschinenfunk dieser Zeit war nie wirklich weg und wurde von DJs wie z.B. dem Dortmunder “Le Fonque” – Team in den letzten 12 Jahren hochgehalten.
Doch ganz aktuell  erlebt der 80ies Discofunk-Sound unter dem Label GI-Disco mit Parties und einer Compilation ein Revival. Und aktuelle Produktionen von Dâm Funk oder auch Chromeo, um nur die Speerspitze zu nennen, transportieren Electro-Funk in die Gegenwart.

Meinen persönlichen Musikgeschmack haben Mixe aus dem belgischen Radio geprägt. Anfang der 80er Jahre hatte ein Freund bzw. dessen Eltern eine Satellitenschüssel, mit dem sie einen Samstagabend Diskjockey Radioshow aufzeichnen konnten. Den Namen dieser Show flämischsprachigen Show habe ich nie richtig verstanden. Das Jingle habe ich bis heute im Ohr und irgendeinen Sprachlaut wie “Durchstarta” war darin enthalten. Vielleicht weiß hier einer der geneigten Leser mehr. Jedenfalls lief in dieser Show 80ies Electro-Funk und Popmusik. Das Highlight waren von Hörern eingesandte Mixe und Remixe. Diese Mixe kompilierte der Freund bzw. sein älterer Bruder auf Tapes, ergänzte sie um ein paar Tracks von Electro-Samplern auf dem Street Sounds-Label, und fertig war Soundtrack meiner Jugend. Dies Tapes wurden natürlich weiterkopiert und getauscht. Die gute alte Zeit eben.

Und mit Mausoleum Records war das vielleicht wichtigste Heavy Metal-Plattenlabel (ist ja irgendwie auch Black Music) der 80er Jahre in Belgien beheimatet. So erschien dort das erste Album der Düsseldorfer Metal-Kapelle “Warlock“. Ich hatte allerdings nur den Repress auf Vertigo. Frontfrau Doro Pesch macht dann kurz drauf als Solo-Artist international Karriere.

Mitte der 80er Jahre entwickelten belgische Deejays eine frühe Form der harten, elektronischen Tanzmusik, in dem Sie New Wave Platten per Pitchcontrol veränderten und dem ganzen den Namen New Beat gaben. Das ganze schwappte dann zusammen mit dem EBM-Sound von Gruppen wie Front 242 (ebenfalls aus Belgien) nach Deutschland über, lief in Diskotheken, wie dem legendären Dorian Gray im Frankfurter Flughafen und hat so die Entwicklung und Rezeption von Techno in Deutschland maßgeblich geprägt. Ich hatte damals zwei New Beat / EBM-Compilations, fand  jedoch zu dem Sound nie wirklich Zugang.
Eine Mischung aus New Beat und Hip House brachte dann das belgische Projekt Technotronic Ende der 80er Jahre in die internationalen Charts. Das konnnte ich eher nachvollziehen und “Pump up the Jam“  gehört bis heute zu meinen heimlichen (peinlichen) Lieblingsliedern.

Anfang der 90er habe ich mich dann für französischsprachigen Rap interessiert, und da kamen mir auch ein paar belgische Sachen unter:
So z.B. Hip House von Benny B feat. Daddy K. – Vous Êtes Fous. DJ Daddy K. ist übrigens bis heute in Großraumdiskotheken aktiv.
In der Grabbelkiste eines großen deutschen Einkaufszentrums fand ich dann ein paar Jahre später die erste franko-belgische Rap-Compilation, die mein Bruder und ich allerdings damals ziemlich “wack” fanden.

Der gebürtige Belgier DJ Back Q hatte es schon Anfang / Mitte der 90er amtliche DJ-Techniken drauf und “mischte” die rheinische (Deutsch-)Rap-Szene auf. (Obendrein war und ist er einfach ein netter Kerl.)

Aber auch über meinen persönliche Horizont hinaus, kamen immer wieder wichtige musikalische  Impulse aus Belgien:
So bildete sich in den 60er und frühen 70er Jahren in Belgien eine aktive beat-psych-r&b – Szene, deren Protagonisten zumeist aus England und dem übrigen europäischen Umland kamen, überwiegend in kleinen Cafés und Clubs spielten und hier und da Singles in geringer Auflage auf Kleinstlabels veröffentlichten:

Ende der 60er Jahre entwickelte sich aus dem Soul-Reggae-Ska basierten Musikprogramm der Diskothek “The Groove” in Ostende das Musikgenre “Popcorn”, das auch von anderen belgischen Diskotheken und Diskjockeys übernommen wurde und sich auch bei extra anreisenden Gästen aus England, Benelux und auch Deutschland großer Beliebtheit erfreute.

Marvin Gaye ließ sich – auf der Flucht vor den amerikanischen Steuerbehörden und seiner eigenen Drogensucht – Anfang der 80er Jahre in Ostende nieder und schrieb dort das Album “Midnight Love” mit  seinem vielleicht größten Hit “Sexual Healing“.

Belgien hatte und hat also viel zu bieten. Wo gibt es sonst eine kleine Stadtteilbibliothek, mit dem Sammelgebiet Hip Hop-Kultur und Street Culture?

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